100 Jahre - „Zwischen Schwarz und Weiß“.
Heribert Bücking, Kupferstecher in Berlin, der Wolfgang Niesner noch kannte, beschrieb ihn in einem einfühlsamen Aufsatz anlässlich einer Ausstellung 1999 wie folgt:
„Zwischen Schwarz und Weiß“.
Wenn Wolfgang Niesner von seinen Mezzotinto-Blättern sprach, bezeichnete er in seiner humorvollen Art sich selber gerne als „Schwarzmaler“, auch als „stechenden Schwarzmaler“, wenn er noch seine Kupferstiche miteinbeziehen wollte.
Von wenigen Ausflügen in die Farbe abgesehen, fand er im Schwarz-Weiß-Bereich alle Ausdrucksmöglichkeiten, die er für seine Bilder brauchte und reizte diesen Bereich voll aus.
So gibt es neben den bereits genannten Kupferstichen und Mezzotinten auch Holzschnitte und Radierungen, großformatige Kreidezeichnungen und eine Vielzahl von Scherenschnitten.
Niesners weitgefächerte graphische Produktion basierte auf dem Zeichnen vor der Natur.
Wo er stand und ging, war er ein ebenso wacher Beobachter wie blitzschneller Zeichner.
Was ein Augen-Blick erfasste, schrieb die zeichnende Hand quasi blind nieder – auf oft nur briefmarkengroße Zettel, die er unauffällig in der linken hohlen Hand hielt.
Der Inhalt dieser gezeichneten Augenblicke: die Grundzüge eines Gesichts, momentaner Ausdruck und Typus; das Charakteristische einer menschlichen Figur in Ruhe und Bewegung; Menschengruppen; die Atmosphäre eines Platzes, einer Straße.
Unglaublich, muss der mit photographischen Bildern überfütterte Zeitgenosse feststellen, was der bescheidene Bleistift in Niesners Hand zuwege brachte. Die Vergegenwärtigung vielfältiger Realität mit sparsamsten Mitteln, auf kleinstem Format, diese Komprimierung des Gesehenen in Sekundenschnelle, das grenzt an Zauberei.
Das spontane Zeichnen der Natur war für Niesner immer Anliegen und Bedürfnis, – er nannte es Vitaminkur für Auge und Hirn.
Das Ziel seiner Arbeit war gleichwohl das durchgeformte Bild, wie er es vor allem in den Kreidezeichnungen und der Druckgraphik anstrebte.
Die Scherenschnitte nehmen deutlich Bezug auf die gezeichneten Augenblicke. Hier werden Beobachtungen aus dem Menschen-Zoo auf exemplarische Szenen reduziert und satirisch zugespitzt. Zugleich entfernt sich das reine Schwarz-Weiß des Scherenschnittes von der Beobachtungsskizze und schafft eine eigene Bildrealität.
In den Kreidezeichnungen, Mezzotinten und Kupferstichen verlässt Wolfgang Niesner die freundliche Welt der gezeichneten Augenblicke und betritt gewissermaßen deren nächtliche Gegenwelt. Bedrohliche Momente der modernen Zivilisation – besonders im Bereich des Städtebaus – geraten ins Blickfeld, verdichten sich zu alptraumartigen Szenarien. Bestandteile sichtbarer Wirklichkeit finden zwar Eingang in diese Bilder, fügen sich aber nicht der Logik eines stimmigen Realismus. Vielmehr folgen sie einer inneren Bildvorstellung und gedanklich fundierten Bildregie. Im Unterschied zu den rasch hingeschriebenen Beobachtungsskizzen sind diese Bilder oft in den zeitaufwendigsten graphischen Verfahren realisiert.
Mitunter scheint es, als habe sich Wolfgang Niesner mit einer handwerklich überaus sorgfältigen Bildrealisierung von den beunruhigenden Bildinhalten befreit.
Bei dem Versuch, die zahlreichen Facetten von Wolfgang Niesners Graphik zusammenzusehen, verweisen die durchgängigen Merkmale auf den Menschen und Künstler Wolfgang Niesner: auf seine Wachheit für alle sichtbaren Phänomene, gekoppelt mit hoher zeichnerischer Begabung; auf sein Einfühlungsvermögen und seine Vorstellungskraft, das Beobachtete gedanklich und bildhaft zu integrieren; auf sein großes handwerkliches Können und schließlich auf seinen Humor als Grundton in seinem Leben und Werk.
Heribert Bücking, August 1999
„Zwischen Schwarz und Weiß“.
Wenn Wolfgang Niesner von seinen Mezzotinto-Blättern sprach, bezeichnete er in seiner humorvollen Art sich selber gerne als „Schwarzmaler“, auch als „stechenden Schwarzmaler“, wenn er noch seine Kupferstiche miteinbeziehen wollte.
Von wenigen Ausflügen in die Farbe abgesehen, fand er im Schwarz-Weiß-Bereich alle Ausdrucksmöglichkeiten, die er für seine Bilder brauchte und reizte diesen Bereich voll aus.
So gibt es neben den bereits genannten Kupferstichen und Mezzotinten auch Holzschnitte und Radierungen, großformatige Kreidezeichnungen und eine Vielzahl von Scherenschnitten.
Niesners weitgefächerte graphische Produktion basierte auf dem Zeichnen vor der Natur.
Wo er stand und ging, war er ein ebenso wacher Beobachter wie blitzschneller Zeichner.
Was ein Augen-Blick erfasste, schrieb die zeichnende Hand quasi blind nieder – auf oft nur briefmarkengroße Zettel, die er unauffällig in der linken hohlen Hand hielt.
Der Inhalt dieser gezeichneten Augenblicke: die Grundzüge eines Gesichts, momentaner Ausdruck und Typus; das Charakteristische einer menschlichen Figur in Ruhe und Bewegung; Menschengruppen; die Atmosphäre eines Platzes, einer Straße.
Unglaublich, muss der mit photographischen Bildern überfütterte Zeitgenosse feststellen, was der bescheidene Bleistift in Niesners Hand zuwege brachte. Die Vergegenwärtigung vielfältiger Realität mit sparsamsten Mitteln, auf kleinstem Format, diese Komprimierung des Gesehenen in Sekundenschnelle, das grenzt an Zauberei.
Das spontane Zeichnen der Natur war für Niesner immer Anliegen und Bedürfnis, – er nannte es Vitaminkur für Auge und Hirn.
Das Ziel seiner Arbeit war gleichwohl das durchgeformte Bild, wie er es vor allem in den Kreidezeichnungen und der Druckgraphik anstrebte.
Die Scherenschnitte nehmen deutlich Bezug auf die gezeichneten Augenblicke. Hier werden Beobachtungen aus dem Menschen-Zoo auf exemplarische Szenen reduziert und satirisch zugespitzt. Zugleich entfernt sich das reine Schwarz-Weiß des Scherenschnittes von der Beobachtungsskizze und schafft eine eigene Bildrealität.
In den Kreidezeichnungen, Mezzotinten und Kupferstichen verlässt Wolfgang Niesner die freundliche Welt der gezeichneten Augenblicke und betritt gewissermaßen deren nächtliche Gegenwelt. Bedrohliche Momente der modernen Zivilisation – besonders im Bereich des Städtebaus – geraten ins Blickfeld, verdichten sich zu alptraumartigen Szenarien. Bestandteile sichtbarer Wirklichkeit finden zwar Eingang in diese Bilder, fügen sich aber nicht der Logik eines stimmigen Realismus. Vielmehr folgen sie einer inneren Bildvorstellung und gedanklich fundierten Bildregie. Im Unterschied zu den rasch hingeschriebenen Beobachtungsskizzen sind diese Bilder oft in den zeitaufwendigsten graphischen Verfahren realisiert.
Mitunter scheint es, als habe sich Wolfgang Niesner mit einer handwerklich überaus sorgfältigen Bildrealisierung von den beunruhigenden Bildinhalten befreit.
Bei dem Versuch, die zahlreichen Facetten von Wolfgang Niesners Graphik zusammenzusehen, verweisen die durchgängigen Merkmale auf den Menschen und Künstler Wolfgang Niesner: auf seine Wachheit für alle sichtbaren Phänomene, gekoppelt mit hoher zeichnerischer Begabung; auf sein Einfühlungsvermögen und seine Vorstellungskraft, das Beobachtete gedanklich und bildhaft zu integrieren; auf sein großes handwerkliches Können und schließlich auf seinen Humor als Grundton in seinem Leben und Werk.
Heribert Bücking, August 1999
Ausstellung in der MEWO-Kunsthalle Memmingen
Symphonie der Großstadt
23.3. — 23.6.2024
Symphonie der Großstadt
23.3. — 23.6.2024
Wolfgang Niesner schuf eindrucksvolle Arbeiten im Bereich der Handzeichnung, insbesondere auch der gedruckten Kunst. Der Künstler, dessen 100. Geburtstag sich im Jahr 2025 jähren wird, war vor allem ein genauer Beobachter. Mit kurzen Bleistiften, die er in einer Büchse stets mit sich führte, brachte er die Eindrücke zu Papier. Er hielt all das fest, das ihn umgab, das ihn interessierte oder ihm missfiel. Seine Werke zeichnen sich durch Tiefgründigkeit, eine beindruckende Präzision und Humor aus, der insbesondere in seinen Scherenschnitten zum Tragen kommt.
Viele Ereignisse und Gegebenheiten seiner Lebenswelt fanden Eingang in die eigenen Werke. Seine Lust, Situationen im städtischen Alltag zu studieren, sein scharfer und doch zugewandter Blick auf die dort lebenden Menschen, aber auch sein Hadern mit dem Hochhausbau und dem Verdrängen der Natur waren Themen, denen er sich widmete. Über Jahrzehnte ist so ein vielschichtiges Bild seiner Zeit, ihren gesellschaftlichen Entwicklungen und den politischen Verhältnissen entstanden.
Die Ausstellung ‚Symphonie der Großstadt‘ präsentiert eine Auswahl seiner Scherenschnitte. Rund um das Thema der Großstadt, dieser Lebenswelt und dem spezifischen Lebensgefühl sind. Zu sehen sind nachdenkliche, kritische und satirische Arbeiten. Das Urban Art Kollektiv „Der Blaue Vogel“ aus München wurde eingeladen, eine Wandgestaltung in Dialog mit Niesners Werk zu realisieren. Das Kollektiv hat bereits eine Hochhausfassade in Neuperlach mit einem Motiv des Künstlers gestaltet. Das nun entstandene Graffiti wurde extra für die Ausstellung realisiert und fügt mit dem Thema der Street Art als der Kunstform der Großstadt eine zusätzliche Perspektive hinzu. Das Graffiti wurde durch Benjamin „PyserOne“ Calliari-Herzberg und Robert „Kult“ Posselt gestaltet.
https://www.mewo-kunsthalle.de/ausstellungen/niesner_symphonie_der_grossstadt.html
Viele Ereignisse und Gegebenheiten seiner Lebenswelt fanden Eingang in die eigenen Werke. Seine Lust, Situationen im städtischen Alltag zu studieren, sein scharfer und doch zugewandter Blick auf die dort lebenden Menschen, aber auch sein Hadern mit dem Hochhausbau und dem Verdrängen der Natur waren Themen, denen er sich widmete. Über Jahrzehnte ist so ein vielschichtiges Bild seiner Zeit, ihren gesellschaftlichen Entwicklungen und den politischen Verhältnissen entstanden.
Die Ausstellung ‚Symphonie der Großstadt‘ präsentiert eine Auswahl seiner Scherenschnitte. Rund um das Thema der Großstadt, dieser Lebenswelt und dem spezifischen Lebensgefühl sind. Zu sehen sind nachdenkliche, kritische und satirische Arbeiten. Das Urban Art Kollektiv „Der Blaue Vogel“ aus München wurde eingeladen, eine Wandgestaltung in Dialog mit Niesners Werk zu realisieren. Das Kollektiv hat bereits eine Hochhausfassade in Neuperlach mit einem Motiv des Künstlers gestaltet. Das nun entstandene Graffiti wurde extra für die Ausstellung realisiert und fügt mit dem Thema der Street Art als der Kunstform der Großstadt eine zusätzliche Perspektive hinzu. Das Graffiti wurde durch Benjamin „PyserOne“ Calliari-Herzberg und Robert „Kult“ Posselt gestaltet.
https://www.mewo-kunsthalle.de/ausstellungen/niesner_symphonie_der_grossstadt.html
FlötenspielerIn München-Perlach ist ein Wandbild an einem Wohnblock entstanden gemalt von dem Künstlerkollektiv „Der blaue Vogel“ – Robert Posselt, Benjamin Calliari-Herzberg und Samuel Feustel.
Das Motiv wurde gewählt nach einem Scherenschnitt von Wolfgang Niesner „Der Flötenspieler“. Robert Posselt schrieb dazu u.a. „Das Motiv ist eine Hommage an Wolfgang Niesner, ein Künstler, der lange, bis zu seinem Tod in Neuperlach gearbeitet und gelebt hat. Wir suchten aus seinen humorvollen Arbeiten diesen Scherenschnitt aus. „Der Flötenspieler“ ist eine lustige, sehr einfache Figur, gut zu verstehen und von Weitem zu erkennen. Und sie passt mit den langen Beinen gut zu den Bäumen vor dem Haus.“ Das Bild ist an der Westfassade, Karl-Marx-Ring 75 zu sehen. Die Fassade ist 10 Stockwerke hoch. Näheres zu „Der blaue Vogel“ unter www.derblauevogel.de! |
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